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Et la corne de brume te salue tous les jours

Et la corne de brume te salue tous les jours

2024-04-17 08:53:32

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Dre sieht aus wie einer der letzten Hippies der Flower-Power-Bewegung. Latzhose, Bart, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und immer einen lässigen Spruch auf den Lippen. Eine Bugwelle vor sich herschiebend hat er die Lucretia mit Schwung zum Pier des Point San Pablo Harbour gesteuert.

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Wie eine Fata Morgana taucht der kleine Hafen am Ende einer holprigen, staubigen Straße auf, die durch die Ödnis vertrockneter Wiesen und halb verrosteter Raffinerietanks an der Küste von Richmond führt und auf der man sich fast schon auf der falschen Fährte wähnt, bis die fröhlich bunten Hausboote ins Blickfeld rücken. Punkt vier Uhr sollten sich die B&B-Gäste der „East Brother Light Station“ an der Landebrücke einfinden. Auf die Sekunde genau rauschte Dre mit dem 200 PS starken Boot heran.

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Zehn Minuten dauert es offiziell, um von Point San Pablo Harbour auf das kleine Eiland in der Bucht von San Francisco zu kommen, das Fähren, Frachtschiffen und der Marine seit 150 Jahren als Navigationshilfe dient. Dre gibt Vollgas. Gerade mal fünf Minuten braucht er, bis die Lucretia an der steilen Leiter anlegt, die zum Steg und hoch zur Leuchtturminsel führt. Mit einer Seilwinde zieht er das Boot anschließend aus dem Wasser. Mehrmals am Tag rauschen die Schnellfähren mit über 25 Knoten vorbei. „Auf Dauer würden die hohen Wellen die Lu­cretia beschädigen“, sagt er.

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Oui, c’est San Francisco ! La vue depuis la petite île inspire également les locaux.Astrid Ludwig

East Brother ist nicht mehr als ein Felsen im Wasser. Ein Steinplateau mit drei Holzhäusern im viktorianischen Baustil samt einem Turm, dessen Kerosinfeuer erstmals 1874 Schiffe und ihre Besatzungen sicher durch Nacht und Nebel leitete. Gerade mal 3000 Quadratmeter ist das Inselchen groß, in fünf Minuten haben wir es umrundet. Klaustrophobisch darf man hier nicht sein. „Und auch nicht übermäßig geräuschempfindlich“, grinst Dre. Alle 30 Sekunden trötet das Nebelhorn, einmal kurz und einmal lang, das Signal für „Achtung, Felsen“. Tröh-rööööh. Dabei herrscht strahlender Sonnenschein, kein Nebel weit und breit. „Ich höre das schon gar nicht mehr“, sagt er. Offiziell ist das Nebelhorn der East Brother Light Station von Oktober bis April bei schlechter Sicht im Einsatz. „Aber irgendwas ist derzeit kaputt. Es läuft die ganze Zeit“, stimmt Dre uns auf die Nacht ein – Tröh-rööööh. Aber das macht den Charme einer Übernachtung in einem Leuchtturm aus, der noch in Betrieb ist.

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Vier Liegestühle stehen aufgereiht vor einem Panorama, das selbst Einheimische verstummen lässt. Die Silhouette von San Francisco erhebt sich in der dunstverschleierten Ferne aus dem Azurblau der spiegelglatten Bucht. Wie eine filigrane Stickerei schiebt sich das elegant geschwungene Stahlgeflecht der Richmond–San Rafael Bridge ins Bild, und ganz im Hintergrund überspannt die Bay Bridge mit ihrem Doppeldeck das Wasser. Hinter den Hügeln rechts von uns liegt die Golden Gate Bridge. Tröh-rööööh, das Nebelhorn klingt wie der Tusch für einen spektakulären Auftritt. Dazu passend servieren die Leuchtturmpächter Dre und Charity Elmore auf der Terrasse einen Willkommenssekt und Häppchen. Anna und Jeff sind hin und weg: „Was für eine Aussicht.“ Das Paar lebt seit vielen Jahren in San Francisco, „aber wir waren noch nie hier“.

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Der beste Blick überhaupt: Wer möchte diese Sonnenstühle je wieder verlassen?
La meilleure vue qui soit : qui voudrait à nouveau quitter ces chaises longues ?Astrid Ludwig

Wir sind zu sechst. „Die meisten Gäste kommen aus den USA oder der näheren Umgebung“, erzählen die Elmores. So wie die „Locals“ Anna und Jeff oder Paul und Lori, die aus Maine an der Ostküste angereist sind. Meist muss man Monate vorher reservieren, die East Brother Light Station ist fast immer ausgebucht. Nur fünf Zimmer bietet das Bed & Breakfast, alle liebevoll mit historischen Möbeln eingerichtet. Vier befinden sich im Haupthaus und ein Zimmer im Maschinenhaus, wo das historische Nebelhorn fast dreißig Jahre lang mit Dampf betrieben wurde. Heute ist es längst durch eine moderne Variante ersetzt worden. Das Nachfolgemodell sprießt wie ein Pilz aus dem felsigen Grund unterhalb unseres Fensters. Wir haben den „San Francisco Room“ gebucht, mit grandiosem Blick auf die Stadt – und auf den akustischen Quälgeist. Egal. Zur Grundausstattung der Zimmer gehört ein Buch über Leuchttürme, ein Fernglas und Ohrstöpsel.

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Wie ein Lebkuchenhaus

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Die East Brother Light Station sieht aus wie ein Lebkuchenhaus. Rotes Dach, hellbraune Holzfassade, weiße Zuckerbäcker-Zierleisten und Balkone. Ein Wohnhaus mit Turm, in dem anfangs die Leuchtturmwärter und später Pächterfamilien rund ums Jahr lebten. Die ersten waren Einwanderer aus Schweden und Dänemark. So prachtvoll viktorianisch sahen im 19. Jahrhundert einige der fünfzig Leuchttürme aus, die an der Westküste Kaliforniens errichtet wurden, oftmals sogar nach ähnlichen Bauplänen wie East Brother. Allein in der Region um die San-Francisco-Bucht ließ die Regierung ein Dutzend als Navigationshilfen bauen, denn in der 450 Quadratkilometer großen Bucht mit ihren vielen, teils natürlichen Häfen herrschte schon damals reger Schiffsverkehr.

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Die East Brother Light Station gehört der Küstenwache und steht unter Denkmalschutz. Als einer der wenigen erhaltenen viktorianischen Leuchttürme ist er als kalifornisches und nationales historisches Wahrzeichen gelistet. Dass er überhaupt noch steht, ist der Initiative von Anwohnern und Privatleuten zu verdanken, die aktiv wurden, als die Coast Guard in den 1960ern die Station zunächst automatisierte und später aus Spargründen sogar abreißen und durch einen schnöden Betonturm ersetzen wollte. Dagegen regte sich Protest. Zehn Jahre war die Insel dem Verfall überlassen, bis sich 1979 ein Verein gründete, der den Leuchtturm pachtete und mit Hilfe Hunderter Freiwilliger die alten Gebäude in ihren prächtigen Ursprungszustand versetzte. 1980 zogen die ersten privaten Wächter ein, und das B&B eröffnete.

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Dre und Charity Elmore sind das 22. Paar, das seither auf dem Felsen lebt. Bisher haben sie es weder bereut noch unter Inselkoller gelitten. „Ich wollte immer auf einem Boot leben, und das hier ist wie ein Boot, das nicht sinken kann“, lacht der 63-Jährige. Dre und seine Frau stammen aus New York, haben ihre Jobs hingeschmissen, als sie von der Verpachtung der Insel erfuhren.

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Das Bewerbungsgespräch fand online statt. Sie erhielten den Zuschlag unter 1000 Bewerbern. Dre erschien zur Videokonferenz im Blaumann, „vielleicht gab das ja den Ausschlag“, scherzt er. Als Leuchtturmpächter muss man alles können: ein Motorboot steuern, Gäste bewirten, ein Vier-Gänge-Menü kochen, die historischen Maschinen bedienen und notfalls ein verstopftes Klo reparieren. Dre war schon immer Lebenskünstler. Er hat als Journalist gearbeitet, war Handwerker, Bootsführer und Schleusenwärter.

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Tröh-rööööh

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Auf der Insel bewirtet und unterhält das Paar nun donnerstags bis sonntags die Gäste. Montags bis mittwochs werden die Zimmer gereinigt, Vorräte aufgefüllt und die Wäsche auf dem Festland gewaschen. Auf der Insel, so Charity, herrscht Wasserknappheit. Es gibt keine natürliche Quelle außer dem Regenwasser, das in großen ober- und unterirdischen Zisternen gesammelt wird. Duschen dürfen daher auch nur Gäste, die länger als einen Tag bleiben.

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Ein Leben in der Stadt wollen sich die beiden gar nicht mehr vorstellen. „Ich liebe die Natur, den Pazifik um uns herum. Ab und zu kommt ein Seelöwe vorbei, und anders als in New York scheint fast immer die Sonne“, sagt Charity. Ihre Vorgänger haben es gerade mal drei Monate hier ausgehalten, doch das Paar würde den Pachtvertrag gerne über die zwei Jahre hinaus verlängern.

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Zum Sonnenuntergangsspektakel umkreisen Hunderte Pelikane die Insel und lassen sich auf dem Nachbarfelsen nieder. Nachts plätschern die Wellen ans Ufer, und in der Frühe steigen wir mit einem Kaffee die steile Treppe hoch zur Leuchtturmspitze, lassen uns fluten von der Morgensonne, Salzluft und Glücksgefühlen. East Brother ist nur eine halbe Stunde außerhalb von Downtown San Francisco und doch Lichtjahre entfernt. Zum Abschied schmeißt Dre noch die Dampfmaschine an, die das historische Nebelhorn betreibt. Ein kraftvoller, sonorer Basston fährt in die Magengrube. Das Gerät unterhalb unseres Fensters ist dagegen ein Nichts. Sein Tröh-rööööh haben wir zum Schluss gar nicht mehr gehört.

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Weitere Informationen: East Brother Light Station liegt in der San-Francisco-Bucht. Die Übernachtung kostet etwa 500 Dollar für das Zimmer und beinhaltet Überfahrt, Welcome-Snack, ein mehrgängiges Dinner sowie Frühstück, www.ebls.org.



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